Aufstehen
Denn siebenmal fällt der Gerechte und steht wieder auf, die Gottlosen aber stürzen nieder im Unglück. (Sprüche 24,16)
Es gibt einen Satz, den viele Christen unbewusst glauben, obwohl er nirgends in der Bibel steht: „Wer fällt, hat verloren." Aber Sprüche 24,16 sagt etwas ganz anderes. Der Gerechte (nicht der Perfekte) fällt siebenmal. Das Fallen selbst ist kein Widerspruch zur Gerechtigkeit. Der Unterschied zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen liegt nicht darin, dass der eine fällt und der andere nicht. Der Unterschied liegt im Aufstehen. Das ist theologisch enorm wichtig, weil es unsere Vorstellung von Heiligung korrigiert. Heiligung ist kein makelloser Aufstieg ohne Rückschläge, sondern ein Weg, auf dem Gott uns immer wieder aufrichtet.
David war „ein Mann nach dem Herzen Gottes" und beging Ehebruch und Mord. Petrus war der Fels, auf den Jesus seine Gemeinde bauen wollte und verleugnete ihn dreimal. Beide fielen tief. Beide standen wieder auf. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott sie dazu befähigte und sie den Weg der Umkehr gingen.
Der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15) läuft dem Sohn entgegen, bevor dieser seine einstudierte Bußrede zu Ende sprechen kann. Das ist der Kern des Evangeliums: Gottes Gnade wartet nicht darauf, dass wir uns erst wieder „verdient" machen. Sie läuft uns entgegen, während wir noch „weit entfernt" sind. Das ist keine billige Gnade, die die Sünde verharmlost, der Sohn muss den Weg nach Hause tatsächlich gehen, die Umkehr ist real und kostet etwas. Aber die Initiative der Versöhnung liegt bei Gott, nicht bei uns.
Das griechische Wort für Buße, metanoia, bedeutet wörtlich „Umdenken" eine Richtungsänderung, kein einmaliger perfekter Akt. Johannes schreibt in 1. Johannes 1,9: „Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit". Treu und gerecht, nicht widerwillig, oder nur ein einziges Mal. Diese Vergebung ist im Kreuz bereits vollständig erkauft. Christus ist nicht für die gestorben, die schon aufrecht standen mit stolzer Brust, sondern für die Gefallenen. Die kranken brauchen einen Arzt, nicht die Gesunden.
Wenn du also gefallen bist, vielleicht zum wiederholten Mal, vielleicht in derselben Sünde, die du schon so oft bekannt hast dann ist die Scham, die dich am Boden hält, nicht dieselbe Stimme wie die, die dich zur Umkehr ruft. Die Anklage des Widersacher will dich unten liegen lassen. Der Heilige Geist ruft dich um aufzustehen. Aufstehen ist kein Zeichen davon, dass du „es jetzt besser hinbekommst". Es ist ein Zeichen davon, dass du dich der Gnade wieder zuwendest, die dich nie verlassen hat. Steh auf. Nicht weil du stark bist, sondern Jesus.