Mehr als nur Reue
Von da an begann Jesus zu verkündigen und zu sprechen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen! (Matthäus 4,17)
Wenn wir das Wort „Buße" hören, denken viele zuerst an Schuldgefühle, oder Gewissensbisse. Vielleicht denkst du auch an eine bestimmte Stimmung der Traurigkeit über die eigene Sünde. Doch das griechische Wort, das Jesus hier verwendet " metanoia" meint etwas grundlegend anderes und viel Größeres. Es setzt sich zusammen aus meta (Veränderung, darüber hinaus) und nous (Verstand, Denken, Sinn). Wörtlich: ein „Über-Denken", ein Umdenken, eine völlige Neuausrichtung des Sinnes. Das ist kein kleiner sprachlicher Unterschied, sondern ein theologisch grundlegender Unterschied.
Reue oder Schuldgefühl (griechisch metamelomai, wie es zum Beispiel bei Judas verwendet wird, Matthäus 27,3) bleibt bei sich selbst stehen. Sie kreist um das eigene Versagen, die eigene Scham, den eigenen Schmerz. Judas empfand tiefe Reue und ging in den Tod, weil diese Reue eine Sackgasse war. Keine Umkehr zu Gott sondern ein weiterrennen in den Tod.
Metanoia dagegen ist eine Bewegung: weg von der alten Ausrichtung, hin zu Gott. Paulus bringt genau diesen Unterschied auf den Punkt: Denn die gottgewollte Betrübnis bewirkt eine Buße zum Heil, die man nicht bereuen muss; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod. (2.Kor 7,10) Im Alten Testament findet sich eine verwandte Bewegung im hebräischen Wort schuv (umkehren, zurückkehren) . Der Prophet Joel ruft: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider, und kehrt um zum HERRN, eurem Gott" (Joel 2,13).
Das ist bezeichnend: Man kann äußerlich Trauerrituale vollziehen, Kleider zerreißen, fasten, klagen, ohne dass sich im Inneren etwas verändert. Echte Metanoia ist immer eine Sache des Herzens, aus der heraus sich dann auch das Handeln neu ausrichtet. Johannes der Täufer fordert genau das: So bringt nun Früchte, die der Buße würdig sind! (Matthäus 3,8). Nicht die Frucht selbst ist die Buße, aber wo Metanoia wirklich geschieht, folgt ihr sichtbares Leben.
Wichtig ist auch: Metanoia ist kein einmaliger Willensakt, den ein Mensch aus eigener Kraft vollbringt, um sich Gott gegenüber zu qualifizieren. Paulus schreibt den Römern, dass es „Gottes Güte" ist, die uns „zur Buße leitet" (Römer 2,4). Und Petrus erklärt in der Apostelgeschichte, dass Gott Christus erhöht hat, „um Israel Buße zu geben und Vergebung der Sünden" (Apostelgeschichte 5,31). Buße wird hier als etwas beschrieben, das Gott gibt, nicht nur als etwas, das der Mensch leistet. Das nimmt der Umkehr jede Härte der Selbsterlösung: Es ist Gottes freundliches, geduldiges Wirken, das uns überhaupt erst dazu bringt, unseren Sinn zu ändern.
Deshalb ist Metanoia auch kein Ereignis, das man einmal „hinter sich bringt", sondern eine Grundhaltung, die das ganze christliche Leben prägt. Martin Luther formulierte es in der ersten seiner 95 Thesen so, dass das gesamte Leben der Gläubigen eine fortwährende Buße sein soll. Nicht als Dauerzustand der Selbstverurteilung, sondern als beständige Bereitschaft, den eigenen Sinn immer wieder von Neuem Gott zuzuwenden, wenn er sich verirrt hat.
»Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ u. s. w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.«
Wenn du also über deine Sünde nachdenkst, frage dich nicht nur: „Tut es mir leid?" Frage dich: „Ist mein Sinn neu ausgerichtet?" Reue schaut zurück und verzweifelt. Metanoia schaut auf zu Gott und geht los, wie der verlorene Sohn.