Anbetung ist mehr als ein Ort
Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. (Johannes 4,20-21)
Die Samariterin erkennt, dass Jesus vermutlich einer der weisesten Menschen ist, die sie je kennenlernen durfte. Er hat keine Vorurteile gegenüber dieser Frau, obwohl er sie anscheinend sehr gut kennt. Das merkt sie.
Nun hat sie eine clevere Idee, denn sie will ja immer noch von sich selbst ablenken. Sie fragt Jesus nach dem Ort des Gebets – eine Frage, welche die Juden und die Samariter schon seit Ewigkeiten im Streit getrennt leben lässt. Es ist so wie heute die Frage nach dem Zeitpunkt der Entrückung, der Taufe oder der Vorherbestimmung. Vielleicht kann sie sich, wenn sie nur gut genug fragt, mit der Antwort vor ihresgleichen profilieren.
Aber die Ironie der Situation liegt im eigentlichen Problem. Die Frage ist nicht: „Wo sollen wir beten?“, sondern: „Wie und wen?“ Es geht nicht um Äußerlichkeiten, es geht um die innere Einstellung und die Ausrichtung. Es ist am Ende beides – die eigentliche Frage, welche Jesus dann auch klarstellt, und die Frage nach der Anbetung – eine Frage nach der Beziehung.
Liebe ich Gott wirklich? Bete ich wirklich ihn an, und nur ihn? Wie bete ich ihn an? Vor dem Essen und Schlafengehen? Oder spreche ich mit ihm wie mit einem Vater über alle meine Befindlichkeiten?
Es ist ein bisschen wie die Frage von einem meiner Kinder letztens: „Papa, bist du, wenn du den Ehering abnimmst, nicht mehr verheiratet?“ Oder wenn man den Ring links trägt, ist das dann kein Zeichen mehr für eine Ehe? Nein! Es geht nicht um das gebogene Stück Metall an meinem Finger, es geht um die Beziehung. Ich kann auch anders zum Ausdruck bringen, dass ich meine Frau liebe und mit ihr verheiratet bin. Und ich kann den schönsten Ehering der Welt haben – wenn ich meine Frau nicht liebe, dann nutzt die ganze Ehe nichts.
Jesus versucht, genau mit so einer Metapher die Antwort auf die Frage der Frau zu geben: „Es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.“
Die Frage nach dem „Wo“ beantwortet Jesus mit einem „weder noch“. Weil es gar nicht um das „Wo“ geht.
Jetzt zu mir und dir: Wo habe ich in meinem Leben falsche Vorstellungen von Anbetung? Denke ich vielleicht, ich kann nur beten, wenn ich meine Hände falte? Oder wenn ich auch zu Gott spreche? Ist mein ganzes Leben nicht ein Gebet? Und wenn ja: Was bete ich dann die meiste Zeit meines Lebens an?