Richter 9,3
Er ist doch aber einer von uns!
Da redeten die Brüder seiner Mutter alle seine Worte vor den Ohren aller Bürger von Sichem. Und ihr Herz neigte sich Abimelech zu, denn sie sagten: Er ist unser Bruder! Richter 9,3
Gideon ist gestorben. Und was macht das Volk Israel, wenn ein Richter stirbt? Es geschah aber, als Gideon gestorben war, da kehrten die Kinder Israels um und hurten wieder den Baalen nach und machten den Baal-Berit zu ihrem Gott. (Ri 8,33) Na, das war ja zu erwarten: Kaum ist ein Richter tot, macht das Volk wieder den größten Mist.
Da ergreift einer der Söhne Gideons die Initiative. Abimelech geht zu seiner Verwandtschaft nach Sichem und versucht dort klarzumachen, warum er jetzt König sein soll. Dazu braucht er keine Argumente für seine Eignung, sondern er spielt die „Komm schon, wir sind doch Brüder“-Karte. Dabei ist die Bedrohung erfunden. „Redet doch vor den Ohren aller Bürger von Sichem: Was ist besser für euch, dass 70 Männer, alle Söhne Jerub-Baals, über euch herrschen, oder dass ein Mann über euch herrscht? Denkt auch daran, dass ich euer Gebein und Fleisch bin!“
Gideon hatte ja ausdrücklich abgelehnt, König zu werden. Weder er noch seine Söhne sollten herrschen, sondern Gott (Ri 8,23). Abimelech malt eine Gefahr an die Wand, die es nicht gibt, und stellt sich dann selbst als Lösung hin. Das ist eine uralte Methode, und sie funktioniert bis heute: erst Misstrauen säen, dann den Retter spielen.
Bemerkenswert ist auch, wohin Abimelech geht. Nicht zu den Brüdern seines Vaters, sondern zur Familie seiner Mutter in Sichem. Und ausgerechnet Sichem! Hier hatte Abraham seinen ersten Altar gebaut. Hier hatte Josua das Volk vor die Wahl gestellt, wem es dienen will, und Israel hatte versprochen, sein Herz dem HERRN zuzuwenden (Jos 24,23). Jetzt, Generationen später, wendet sich in derselben Stadt das Herz jemand anderem zu.
Unser Text sagt sinngemäß: Ihr Herz neigte sich Abimelech zu. Das hebräische Wort, das an dieser Stelle benutzt wird, beschreibt eine Bewegung im Inneren. Vergleichbar ist das mit einem Ast, der sich langsam nach unten biegt. Man hört es vielleicht noch nicht knacken, aber der Ast steht nicht mehr aufrecht. Noch ist nichts passiert. Noch ist kein Bruder ermordet, kein König gekrönt. Aber das Herz hat sich schon entschieden. Der Rest ist nur noch Folge.
Ist das nicht oft so bei uns? Die eigentliche Entscheidung fällt selten in dem Moment, in dem wir handeln. Sie fällt vorher, leise, im Herzen. Bei der Sympathie, die wir jemandem schenken, ohne nachzufragen. Bei der Meinung, die wir übernehmen, weil sie aus „unserem Lager“ kommt.
Und genau da wird es unbequem. Wie schnell sagen wir: Der ist doch einer von uns! Der kommt aus einer guten Familie, der ist aus unserer Gemeinde, der denkt wie wir. Natürlich ist Vertrauen unter Geschwistern etwas Gutes. Aber Zugehörigkeit ersetzt keinen Charakter. Wer in einer Gemeinde Verantwortung trägt, wird von der Schrift nicht nach seiner Herkunft gemessen, sondern danach, was Gott in seinem Leben gewirkt hat (1Tim 3,1–7). Und wenn jemand mit Andeutungen Stimmung macht, „man hört ja, dass die anderen …“, dann sollten wir aufmerken und nüchtern fragen: Stimmt das überhaupt?
Das Bitterste an dieser Geschichte ist vielleicht das Wort „Bruder“. Abimelech benutzt es, um an die Macht zu kommen. Ein paar Verse später wird er siebzig Brüder umbringen.
Wie anders ist da der Herr Jesus! Er hätte jedes Recht gehabt, zu herrschen. Er war Gott gleich, aber er hielt daran nicht fest wie an einer Beute, sondern erniedrigte sich selbst bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,6–8). Abimelech greift nach der Krone und vergießt das Blut seiner Brüder. Christus verzichtet und gibt sein eigenes Blut. Und dann sagt der Hebräerbrief, dass er sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen (Hebr 2,11). Das ist echte Bruderschaft: nicht ein Wort, mit dem man Macht gewinnt, sondern eine Liebe, die sich hingibt.
- Herz
- Zugehörigkeit
- Machtstreben