Richter 9,10-11
Lieber Frucht als Krone
Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du und sei König über uns! Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit lassen und meine gute Frucht und hingehen, um die Bäume zu beschirmen? Richter 9,10-11
Mitgliederversammlung. Der alte Vorstand ist ausgeschieden, jetzt sucht man einen neuen Leiter. Einer nach dem anderen wird auf die Bühne geholt. "Kein Job mehr machen, du wirst hierfür bezahlt. Eigenes Büro. Macht. Entscheidungen treffen. Ansehen..." Wer sagt da schon Nein?
Der Feigenbaum in Jotams Fabel. Die Bäume suchen einen König, und der Ölbaum hat schon abgewunken. Jetzt wird der Ton drängender: Komm du! Im Hebräischen steht das „du“ betont da. Gerade du! Eine Absage macht diese Bäume nicht nachdenklich, sondern nur ungeduldiger. Sie wollen unbedingt jemanden über sich. Dabei hatte Gideon doch kurz vorher klargestellt, dass der HERR über Israel herrschen soll (Ri 8,23). Aber das ist natürlich schon wieder vergessen.
Und der Feigenbaum? Der fragt ganz trocken zurück: Soll ich etwa meine Süßigkeit lassen? Er weiß, wozu er da ist. Seine Feigen machen satt, man nimmt sie als Proviant mit auf die Reise, und Jesaja ließ sogar einen Feigenkuchen auf Hiskias Geschwür legen (Jes 38,21). Nichts Spektakuläres. Keine Salbung wie beim Öl, kein Fest wie beim Wein. Einfach Frucht, die Tag für Tag nährt. Und genau die will er nicht hergeben, nur um über den anderen zu thronen.
Übrigens steht hinter „beschirmen“ im Hebräischen wieder das Wort, das eigentlich „schwanken“ bedeutet. Ein Baum, der König wird, müsste seinen festen Platz verlassen und sich über den anderen hin und her wiegen. Jotam hat einen bissigen Humor: So sieht menschliche Macht von oben aus. Viel Gewackel, null Frucht.
Und Abimelech? Der hatte den Leuten von Sichem eingeredet, die siebzig Söhne Gideons wollten über sie herrschen (Ri 9,2). Jotams Fabel sagt: Quatsch! Die Wertvollen wollten gar nicht nach oben. Nach der Krone greift am Ende nur, wer sonst nichts zu bieten hat. Aber dazu kommen wir noch.
Was heißt das für uns? Verantwortung ist ja nichts Schlechtes. Gemeinde braucht Leute, die leiten, und Paulus nennt das sogar ein gutes Werk (1Tim 3,1). Aber wir dürfen ehrlich fragen: Was würde ich dafür aufgeben? Kennen wir nicht alle Geschwister, die wunderbar das Wort Gottes erklären konnten? Oder super mit Jugendlichen umgehen können? Ist es nicht oft so das sie dann gesehen werden, ihre Frucht wird genossen und dann werden sie in Ämter gesteckt oder in Ausschüsse et cetera. Irgendwann haben sie jede Menge Termine, aber keine Zeit mehr zum predigen oder für die Kinder.
Die Krone war da, die Feigen waren weg. Und wie oft schielen wir selbst nach dem Platz weiter oben, als wäre der stille Dienst weniger wert? Die Nachbarin, der man einfach zuhört. Die Nachricht an den kranken Bruder. Das Kind, dem man abends einen Bibelvers erklärt. Das ist Süßigkeit und gute Frucht. Und die schenkt Gott selbst; ich bin nur der Baum, an dem sie wächst (Joh 15,5).
Der Feigenbaum musste sich entscheiden: Frucht oder Krone. Einer musste das nie. Jesus hat nicht nach oben gegriffen, sondern ist hinabgestiegen und hat gedient (Phil 2,6–8). Gerade deshalb wird er herrschen. Und wenn er herrscht, nimmt er keinem die Frucht weg. Dann wird jeder ungestört unter seinem Weinstock und Feigenbaum sitzen (Mi 4,4). Das ist ein König, unter dem man wirklich aufblüht.
- Frucht
- Dienen
- Berufung