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Richter 9,4-5

70 Silberstücke für 70 Brüder

Und sie gaben ihm 70 Silberlinge aus dem Haus des Baal-Berit. Und Abimelech warb damit nichtsnutzige und leichtfertige Männer an, die ihm nachfolgten. Und er kam in das Haus seines Vaters nach Ophra und tötete seine Brüder, die Söhne Jerub-Baals, 70 Männer auf einem Stein. Jotam aber, der jüngste Sohn Jerub-Baals, blieb übrig; denn er hatte sich versteckt. Richter 9,4-5

Siebzig Silberstücke. Siebzig Brüder. Man muss kein großer Mathematiker sein, um zu merken, was hier gerechnet wird. Ein Silberstück pro Kopf. So viel ist den Bürgern von Sichem das Leben der Söhne Gideons wert. Zum Vergleich: Das Gesetz setzte für einen getöteten Sklaven dreißig Silberstücke fest (2Mo 21,32). Ein Sohn Gideons kostet in Sichem nicht einmal ein Dreißigstel davon. Billiger geht es kaum. Und woher kommt das Geld? Aus dem Tempel des Baal-Berit. Der Name bedeutet „Herr des Bundes“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. In Sichem hatte Israel unter Josua den Bund mit dem HERRN erneuert. Jetzt steht dort ein Tempel für einen Bundesgötzen, und seine Kasse finanziert einen Putsch. Religion und Macht machen gemeinsame Sache. Das war damals so, und das gibt es bis heute. Wer Gott verlassen hat, sucht sich einen Gott, der ihm nützt.

Mit dem Geld kauft sich Abimelech seine Leute. Die Bibel beschreibt sie nicht gerade schmeichelhaft: leere und leichtfertige Männer. Das hebräische Wort für „leer“ meint Menschen ohne Halt und ohne Inhalt. Na ja, was soll man auch erwarten? Wer sich seine Gefolgschaft kauft, bekommt genau die Art von Gefolgschaft, die man kaufen kann. Treue lässt sich nicht bezahlen. Die Sichemiten werden das später noch schmerzhaft merken.

Dann geht Abimelech nach Ophra. Ausgerechnet nach Ophra! Hier hatte der Engel des HERRN Gideon berufen. Hier hatte Gideon einen Altar gebaut und ihm den Namen gegeben: Der HERR ist Friede (Ri 6,24). Und an diesem Ort des Friedens werden nun die Söhne Gideons umgebracht. Nicht im Kampf. Einer nach dem anderen, auf einem einzigen Stein. Kalt und geplant. Der Text erzählt das ganz nüchtern, fast ohne Kommentar. Gott scheint zu schweigen. Aber er schweigt nicht für immer. Am Ende des Kapitels heißt es, dass Gott Abimelech das Böse vergalt, das er an seinen Brüdern getan hatte (Ri 9,56). Gott hat den Stein in Ophra gesehen. Er sieht jedes Unrecht, auch das, über das niemand mehr spricht. Und dann steht da noch ein kleiner Satz, fast nebenbei: Jotham, der jüngste Sohn, blieb übrig, denn er hatte sich versteckt. Sein Name bedeutet „Der HERR ist vollkommen“. Ist das nicht bemerkenswert? Mitten im Blutbad überlebt ausgerechnet ein Name, der von Gottes Vollkommenheit spricht. Gott lässt sich einen Zeugen übrig. Nur einen, versteckt, den Jüngsten. Aber durch ihn wird Gott gleich noch zu Wort kommen.

Wie viel ist ein Leben wert? Abimelech hat eine klare Antwort: ein Silberstück. Und der Herr Jesus? Auch für ihn wurde einmal Silber gezahlt, dreißig Stück, der Preis eines Sklaven (Mt 26,15). Menschen haben ihn genauso billig gemacht. Aber Gott hat anders gerechnet. Petrus schreibt, dass wir nicht mit Silber oder Gold erlöst sind, sondern mit dem kostbaren Blut des Christus (1Petr 1,18–19). Abimelech vergießt das Blut seiner Brüder, um zu herrschen. Christus vergießt sein eigenes Blut, um seine Brüder freizukaufen. Wer wissen will, was ein Mensch in Gottes Augen wert ist, muss ans Kreuz schauen.

Wir bringen keine Brüder um. Oder? Aber wie schnell bewerten oder entwertet wir einen Menschen? Der Kollege, der uns nichts bringt. Die Nachbarin, die nur Arbeit macht. Der Bruder in der Gemeinde, der eine ganz andere Ansicht hat, oder viel zu lau ist. Wenn Gott so viel für sie gegeben hat, wie kann ich sie dann so wertlos machen?

Vielleicht fühlst du dich aber auch eher wie Jotham. Allein, klein, versteckt, umgeben von Leuten, die Gott längst vergessen haben, oder ihm zumindest nicht mehr gehorsam sind. Dann darfst du wissen: Gott hat noch nie eine Mehrheit gebraucht. Er bewahrt sich seine Zeugen, auch wenn es nur einer ist.

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